Remo MüllerKolumbien, PeruLeave a Comment

Ich bin am südlichsten Punkt von Kolumbien, das südlichste Stück Weg, im Dreiländereck Brasilien – Peru – Kolumbien. Ich stehe am Ufer des Amazonas, nach dem Nil, der längste Fluss der Welt. Rechts die Insel Santa Rosa, sie gehört zu Peru, links Manaus, Brasilien. Und oben, die Sonne, die runterbrätscht. Ich war noch nie so nahe am Äquator. Da laufst du nur ein bisschen herum und schwitzst wie nach einer Stunde Joggen in der Winterthurer Sommersonne. Da leben tatsächlich über 40`000 Menschen hier unten, in diesem Leticia, dem südlichsten Ort von Kolumbien, mitten im Amazonasdschungel. Das Städtchen ist nur über den Luftweg zu erreichen, oder dann mit dem Schiff über den Amazonas. Für Besucher ist Leticia vorallem als Ausgangspunkt für Dschungeltrips interessant. Genau das machen wir.

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Der südlichste Punkt von Kolumbien, Leticia

Uns stehen drei Tage im tiefen Amazonas-Dschungel bevor. Wir sind: David und Oli, und Freunde von ihnen aus der Schweiz, Patty und Daniel. Und ich bin auch dabei.

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Tabatinga – Manaus – Brasilien

imageUnd plötzlich reden die Portugiesisch, plötzlich sind wir in Brasilien. Nur ganz schnell, für eine Stunde. Wenn es unser Guide nicht gesagt hätte, hätten wir wohl nicht mitbekommen, dass wir gerade eine Landesgrenze passiert haben. Wir stehen am Amazonasfluss, trinken Caipirinha, das brasilianische Nationalgetränk. Und werden Zeuge davon, wie die Sonne im Amazonas verschwindet. Eindrücklich, unser erster Abend. Eindrücklich oder interessant finde ich auch etwas anderes: Während sonst die Grenzen in Zentral- und Südamerika grosszügig bewacht werden, gibt’s hier gar nichts. Ohne irgend ein Papier zu zeigen, fahren wir über die Grenze von Kolumbien nach Manaus, im grossen Brasilien. Die Amazonasgebiete der drei Länder haben das so ausgehandelt. So etwas wie ein Personenfreizügigkeitsvertrag. Denn diese drei Regionen, Leticia (Kolumbien), Iquitos (Peru) und Tabatinga-Manaus (Brasilien) sind völlig vom Strassennetz abgeschnitten. Den Pass muss man erst dann zeigen, wenn man mit dem Schiff über den Amazonas ins Landesinnere gelangen will. Sympathisch, diese Massnahme, welche die ganze Region hier unten im Dschungel viel näher zusammenbringt.

Der Preis der Schönheit

Das mit dieser Luftfeuchtigkeit ist ausser dem Schwitzen nicht sooo schlimm. Ich habe es mir heftiger vorgestellt. Es wird einfach alles feucht, und das Frottetüechli will nicht trocknen. Etwas ungünstig ist es auch beim WC-Papier, es gibt Prickelnderes im Leben, wie feuchtes Toilettenpapier. Die Perlen des Dschungles zu entdecken, hat halt seinen Preis. Denn, es ist nicht angenehm, im Dschungel zu sein. Bruthitze, gegen die 100% Luftfeuchtigkeit, und viele blutrünstige Mücken. Darum empfiehlt Darwin, unser Guide, ein langärmliges Shirt zu tragen. Lange Hosen und Gummistiefel sind eh Pflicht. imageUnd das braucht schon eine zünftige Portion Überwindung! Bevor die Dschungeltour startet, stehen wir also vor einer nicht ganz einfachen Entscheidung: In dieser feuchten Bruthitze etwas langärmliges über den Schweiss ziehen, oder Mückenstiche in Kauf nehmen. Ersteres erscheint mir als absoluter Horror. Nur schon der Gedanke daran, jetzt ein langärmliges Shirt anzuziehen, bringt mich ganz durcheinander. Ich kann es einfach nicht. Ich und Patty sind die Einzigen, die es wagen, die Dschungeltour kurzärmlig in Angriff zu nehmen. imageEs war eine gute Entscheidung. Schon nach ein-zwei Kilometer, klebt David und Olis Hemd am Rücken, es ist pflotschnass. Es tut mir schon fast echli Leid. Dazu kommt: Mückenspray. Das ist ja Alkohol, das Zeugs von hier ist noch stärker. Wenn man das aufsprayt, brennts auf der Haut, und heizt zusätzlich auf. Und dann wär da auch noch die Sonnencreme. Dieser Antibrum-Schweiss-Sonnencreme-Mix, eine teuflische Mischung. Und man riecht wie eine explodierte Chemiefabrik. Es fühlt sich an, als würde sich die Haut langsam auflösen. Laufend geht’s besser, es luftet dann ganz leicht. Jedes Mal wenn aber unser Guide, in der prallen Sonne einen seiner zahlreichen Erklärungshalte einlegt, dann wirds schnell sehr sehr ungemütlich. Warum denn dieses Blüemli jetzt so aussieht, und wie gefährlich jetzt diese Spinne ist, findet man dann nicht mehr sooo spannend. Schatten, das findet man in diesem Moment am aller spannendsten.

Was kann das sein, warum nehmen wir all das auf uns? Das muss etwas verdammt Tolles sein. Und das ist es! Der Dschungel. Die Schönheit, die Faszination dieses Amazonas-Urwalds, schafft es tatsächlich, all diese Nachteile in den Hintergrund zu drängen. Diese Tage im Dschungel waren faszinierend, auch wegen dem vielen Unangenehmen, unvergesslich.

«Sie sind wirklich pink!! Tatsächlich! Krass!»

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Quelle: Internet

Das ist ja wirklich nicht einfach vorzustellen. Aber es gibt Tiere, die sind pink! Nicht im Märlibuch, sondern im Amazonas. Da leben Delfine, die tatsächlich ganz fest pink sind. Das ist wie bei den Menschen, sagt Darwin, da verfärbt sich das Gesicht auch mal rot, wenn man Sport macht zum Beispiel. Diese pinke Delfineart lebt nur im Amazonas. Da fahren wir also mit dem Schiffli in dieser braunen Brühe, können uns überhaupt nicht vorstellen, dass hier irgend etwas leben kann. Und plötzlich springen da pinke Delfine aus dem Wasser. Völlig irr, überraschend, überwältigend. Ein magischer Moment. Ein Highlight. Sie fotografisch einzufangen, eine Challenge.

Sonst war das mit den Tieren so eine Sache. Sooo viele waren da nicht. Also die waren schon da, aber hald versteckt. Eine leise Enttäuschung. Ich habe in Nicaragua mehr Tiere gesehen wie im Amazonasdschungel. Aber das liegt wohl an meiner etwas unrealistischen Vorstellung. Mit Urwald assoziierte ich bis jetzt das VHS-Kassetten-Cover von «Das Dschungelbuch». Neben Mogli hängt da die böse Schlange vom Baum, daneben, ein Panter, ein Tiger und sogar der Bär Balu lacht fröhlich vom Cover.

Klar, Bären habe ich nicht erwartet im Amazonas, aber so ein paar Tiere mehr schon erhofft. Vögeli haben wir viele gesehen. Von weitem, das hätte auch ein Winterthurer Waldspecht sein können, oder eine Aargauer Landkrähe. imageLässig fand ich die Affen, die sich von Baum zu Baum turnen. Aber halt auch nur von ganz weitem. Aufregend waren die Wasserbläterchen neben unserem Kanu. Darwin sagte, das seien Kaimane, so Krokodilähnliche Dinger. Leider ist es bei den Bläterchen geblieben. Aber ein spannendes Gefühl, zu wissen, dass so ein Riesenfiech gerade unter dem Boot durchtaucht. Insekten durften wir dafür viele beobachten. Lebensgefährliche Riesenspinnen, Taranteln, aber auch Frösche und ganz viele unförmige Wesen, die ich gar nicht als Tiere identifiziert hätte. Und, einen Piranja habe ich gesehen, auf den Pommefrites.

 

Das Dschungelhaus

Übernachtet haben wir in einer Dschungel-Lodge, etwa drei Stunden flussaufwärts von Leticia. Ein Highlight! Ein Haus, das gegen vorne keine Wand hat, nur ein Mückennetz. Ohne, könnte man da nicht wohnen. In diesem Haus fühlst du dich als Teil des Dschungels. In der Nacht Dolby-Soround-Junglesound. Da hörst du Geräusche, ich hätte nicht für möglich gehalten, dass ein Lebewesen so tönen kann.

 

Die Dschnungelmenschen

Mit dem Schiff Stunden weg von Leticia, leben da Menschen, in völliger Abgeschiedenheit im Dschungel. Die meisten von ihnen sind indigenen Ursprungs. Kleine Dörfer direkt am, oder sogar auf dem Fluss, auf so Pfahlbauten-ähnlichen Gehäusen. Aber auch grössere Orte wie Puerto Nariño, hier leben immerhin 2000 Menschen. Motorisiertes gibt’s nicht, nur Fusswege. Und die Dörfer sind nur über den Wasserweg zu erreichen. Faszinierend an diesen Dörfer, die Häuser sind unglaublich schön, gemütlich, stilvoll, mit viel Gefühl fürs Detail gestaltet. Aufwändige Malereien an den Hauswänden, sorgen für eine ganz spezielle Stimmung, am Ende der Welt. Die Kinder in diesen Dörfer scheinen äusserst glücklich zu sein. Sie lachen, wenn man ihnen zuwinkt. Ich glaube, die haben wenig Ahnung, was draussen, in der grossen Welt so abgeht. Vielleicht auch besser.

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Puerto Nariño, Amazonas, Kolumbien

Am Ende ist nicht entscheidend, wie viele Tierarten ich auf einer Liste abhaken kann. Wir waren drei Tage unterwegs im tiefen Dschungel, im Kanu, paddelnd im tiefen Urwald, oder stapfend im Schlamm. Wir nehmen viele Mückenstiche mit, dafür auch unvergessliche Eindrücke. Eindrücke, von einer anderen Welt. Da leben Menschen, ein so komplett anderes Leben hier unten im Amazonas. Nicht nur davon zu wissen, sondern das zu sehen, zu erleben, ist faszinierend und bereichernd. Das waren verrückte, und sehr sehr lustige Tage. Danke David, Oli, Patty und Dani, durfte ich mit euch mitkommen. Es war ganz fest toll!!

Für mich geht’s nun weiter nach Medellin. Die Drogenhauptstadt. Ich werde dort einige Wochen bleiben, und in der Spanischschule die Schulbank drücken.

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